Distraktion

# Gelenk- und muskelbezügliche Okklusion
# Konfektionierte Behelfe (Aqualizer, Splints, Jigs)
# Adjustierte Orthesen (individuell angepasste Schienen)
# und andere intraorale Hilfsmittel

Distraktion

Beitragvon Lara » Montag, 17. Dezember 2018, 23:28:15

Kann mir jemand erklären, wie eine Distraktionsschiene funktioniert? Wie genau schafft sie es , den Biss nach vorne zuziehen?? Kann man aus jeder Schiene durch Erhöhunghinten eine Distraktionsschiene machen? Und haben dabei nach wie vor alle Zähne Kontakt auf der Schiene oder nur die hinteren?
Gibt es Möglichkeietn, ein stark komprimiertes KG selbst irgendwie zu distrahieren? Mit Tens oder bestimmten Übungen, zB myofasziale Übungen etc.? Oder zumindest nach und nach aus der Kompression zu holen?
Würde mich sehr über eure Hilfe freuen.
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Re: Distraktion

Beitragvon Insel » Dienstag, 18. Dezember 2018, 16:04:40

Eine Schiene, die "den Biss nach vorne zieht", heißt normalerweise Protrusionsschiene. Auch sie kann unter Umständen leicht distraktiv wirken. Aber es gibt Grenzen, wie weit man den Unterkiefer nach vorne ziehen kann. Vereinfacht gesagt kann man statt nach vorne ziehen auch versuchen, "Höhe" zu geben. Ob eine Schiene distraktiv wirkt, hängt von den individuellen Gegebenheiten ab, aber in der Regel sind sog. Distraktionsschienen "hinten höher" als vorne bzw. lassen die vorderen Zähne außer Okklusion. Ein Sonderfall wäre die sog. Pivot-Schiene, die sogar nur jeweils 4 Zähne in Kontakt bringt und wie ein Hebel wirken soll, was aber mit gewissen Risiken verbunden sein kann.

Ein komprimiertes Kiefergelenk kann man im einfachsten Fall durch Tragen eines Aqualizers zeitweise passiv entlasten. Das funktioniert aber so wie die anderen Sachen auch nicht immer, v.a. dann nicht, wenn C1 und C2 nicht richtig sitzen. Man kann den Aqualizer zu einer ULF-Tens-Anwendung tragen, was die distraktive Wirkung etwas verstärken kann. Die Gnathologen älterer Schulen haben noch diverse manuelle Techniken drauf, wie man den Kiefer dekomprimieren kann. Leider sind es oft die gleichen Leute, die diesen positiven Effekt widerum dadurch mindern, dass sie anschließend bei der Schienenbissnahme den Unterkiefer per Hand ins Gelenk drücken - das Gegenteil von Dekompression. Selber ein manuelles Dekompressionsmanöver zu machen, ist schwierig. In den USA ist eine Art Kunststoffhaken für Patienten auf dem Markt, mit dem das zeitweise geht.

Übungen kann man machen, da gibt es Einiges. Gerade auch zu Dingen wie Zungenposition, Schlucken und Kiefer- sowie Kopf- und Körperhaltung. Das verlangt viel Wissen und aktives Mitmachen. Ob sich ein positiver Effekt einstellt oder erhält, ist wie so oft eine Frage, was im Einzelfall das zugrundeliegende Problem ist und wie man es unter welchen Voraussetzungen angehen könnte. Je genauer Du Deinen Fall beschreibst, desto eher kann man vielleicht was sagen. Aber was weiß ich schon, gerade in dem Bereich gibt es viel Halbwissen und falsch Angelesenes oder Gedachtes sowohl bei uns Patienten als auch auf Therapeutenseite, insofern vorsichtig bleiben, nicht alles glauben, auch mir nicht, sich selber ein Urteil bilden. Ich kenne z.B. einen Fall, da hat eine sog. Distraktionsschiene leider in eine Diskusverlagerung geführt.

Ich hoffe, dass Dir mein kurzer Text trotz der Relativierungen irgendwie weiterhilft. Wenn Du weitere Fragen oder Fotos hast, nur zu. - Und vielleicht schreibt auch jemand anderer als ich mal was?
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Re: Distraktion

Beitragvon Lara » Mittwoch, 19. Dezember 2018, 11:36:21

Liebe Insel,
vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Versuche mal, es etwas ausführlicher zu erklären:
Ich glaube, mein UK ist schon seit der Kfo im Jugendalter zu weit hinten (zumindest spricht einiges dafür). Demompensiert binich vor 3 Jahre, als ein ZA den Höcker des 6er und 8 er unten beschliff, weil er mein Höckerprofil zu ausgeprägt fand.Schmerzen auf der gesamten rechten Körperseite waren die Folge, inklusive 1000 Blockaden, wie ihr es eben alle kennt.
Nun das eigentliche Thema:
Habe eine Distraktionsschiene bekommen, die ich keider nicht weitertragen kann, da sie nicht richtig passt und mir dadurch starke Zahnschmerzen beteitet. Außerdem hänge ich auf einer Seite mit dem 8er fest. Auf dieser Schiene habe ich links mit 7, 8 sehr angenehmen Kontakt, rechts hänge ich wie gesagt mit dem 8 er hinter der Schiene fest und es ist da viel zu hoch für mein Gefühl.
Aber: die Schiene zieht meinen Kiefer nach vorne links und das ist soo angenehm.
Erst jetzt merke ich, dass meine vorige Schiene, die ich über 2 Jahre trug, meinen Kiefer noch weiter nach hinten schob, als er sowieso schon war. (Mein Biss hat sich seitdem auch immer weiter geöffnet) Da ich ein paar Tage die Distraktionsschiene trug, passt die vorige Schiene nun auch nicht mehr. Ich muss nun etwa einen Monat überbrücken, bis ich wahrscheinlich eine neue Distraktionsschiene bekomme.
Möchte meinen Kiefer irgendwie in dieser Zeit etwas nach vorne bringen, da es mir wie gesagt soo gut getan hat. Würde mich deshalb sehr über einen Buchtipp oder konkrete Übungen freuen. (Meine Zungenlage ist korrekt, ich habe jedoch keinen Zahnkontakt beim Schlucken aufgrund fehlender Abstützung)
Und eine Frage zur Distraktionsschiene habe ich auch noch: wenn der Kiefer weiter nach vorne gezogen wird, kann die Schiene doch nachts eigentlich im Liegen gar nicht passen, da doch da der Kiefer etwas nach hinten fällt.
Ich freue mich sehr über Tipps, auch dazu, wie man einen Monat überbrücken kann, denn den Aqualizer darf man ja nur ein paar Tage tragen...
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Re: Distraktion

Beitragvon Insel » Mittwoch, 19. Dezember 2018, 12:12:17

Hast Du Bilder zum Beispiel von der Schiene? Kann man vielleicht eher was sagen.

Einen Monat kannst Du mit einem Aqualizer durchaus überbrücken, die Verschiebung durch ihn dürfte in einem Monat recht gering bis gar nicht auffallen. Wenn Du ganz ohne Schiene zusammenbeißt, wird es mit dem offenbar ziemlich verhunzten Biss auch so zu minimalen Veränderungen kommen.

Ja, manche sagen, man brauche eine extra Schiene in der Nacht, nach Art der Schnarcherschienen, oben und unten eine Schiene, die mit Stegen verbunden ist und den Unterkiefer weiter vorne hält. Ich persönlich habe das nicht probiert, kann mir nicht vorstellen, dass das "angenehm" ist...

Viele inklusive mir selber meinen, ihre Zungenlage wäre korrekt. Ich musste zumindest bei mir feststellen, dass das nicht der Fall ist. Inwiefern die Zunge wirklich distraktiv wirken kann, weiß ich nicht, aber es gibt Hinweise, dass die Zunge der muskuläre Gegenspieler (Antagonist) der Kau- und gesichtsmuskeln ist.

Distraktion oder Dekompression halte ich am Beginn einer Therapie für sehr wichtig. Aber dass jemand Jahrelang eine Distraktionsschiene trägt, das ist mir neu. Wie verträgst Du das? Leiern da nicht die Bänder aus?
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Re: Distraktion

Beitragvon Lara » Mittwoch, 19. Dezember 2018, 13:09:59

Nein, ich habe erstjetzt eine Distraktionsschiene bekommen, vor 2 Wochen etwa. Vorher hatte ich eine Schiene zum Einschleifen bei meinem Hauszahnarzt.
Hm, die neue Schiene soll auf den neuen Abdrücken hergestellt werden, die letzte Woche gemacht wurden (die erste Schiene passt wohl wegen eines verzogenen Abdrucks nicht). Kann dieneue Schienein einem Monat dann überhaupt passen, wenn sich die Zöhne in dieser Zeit etwas verschieben? Dachte, den Aqualizer darf mannur ein paar Tage tragen. Danach ist ja im Mund auch alles ziemlich wund...
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Re: Distraktion

Beitragvon Lara » Mittwoch, 19. Dezember 2018, 13:13:21

Zum Schlafen nochmal: ist es nicht ungünstig, wenn im Schlaf der Kiefer nach ginten fällt und man dann beim Knirschen nur irgendwie ganz hinten auf der Schiene aufkommt? Entsteht dabei nicht ein recht starker Hebel??
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Re: Distraktion

Beitragvon Insel » Mittwoch, 19. Dezember 2018, 13:20:28

Ob und wie sich Deine Zähne individuell verschieben oder nicht bzw. ob Deine Schiene in einem Monat passt, kann ich nicht vorhersagen. Ich würde mich da aber auch nicht verrückt machen. Ob eine Schiene passt oder nicht, hat viele andere Unwägbarkeiten. Den Aqualizer kannst Du bei Bedarf abwechselnd mal im Ober- oder mal im Unterkiefer tragen und am besten nur nachts. Wenn der Aqualizer wundscheuert, hast Du nicht die passende Größe oder aber Du presst mit den Wangenmuskeln dagegen bzw. mit der Zunge. Was dann doch wieder auf ein Problem mit der Zunge und den Gesichtsmuskeln hindeuten könnte...

Zum Schlafen: Am besten nicht auf dem Rücken, auch nicht auf dem Bauch. Seitenlage mit eher höherem, eher festerem Kissen, so kann die Zunge nicht so leicht mit dem Kiefer zu weit in den Schlund fallen. Lippen leicht geschlossen, Zunge am Gaumen halten besonders tagsüber trainieren, irgendwann geht das ins unterbewusstsein, aber das braucht viel mehr Zeit als ein Monat. Atmen nach Möglichkeit immer durch die Nase, bewusst drauf achten. Notfalls bei verschlossener Nase zeitweise ein Nasenspray anwenden.
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Re: Distraktion

Beitragvon Lara » Mittwoch, 19. Dezember 2018, 17:29:03

Vielen Dank, Insel. Wie gesagt habe ichdie Zu ge am Gaumen und atme auch durch den Mund. Das mit der Achlafposition ist ein guter Tipp, dachtebisher, es sei am besten, auf dem Rücken zu schlafen. Danke und dir noch eine schöne Vorweihnachtszeit.
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Re: Distraktion

Beitragvon Insel » Mittwoch, 19. Dezember 2018, 18:34:06

Lara hat geschrieben:...ich...atme ....durch den Mund....

Durch die Nase, Lara, durch die Nase solltest Du nach Möglichkeit dauerhaft atmen bei leicht geschlossenen Lippen. Ansonsten: Gerne. Und danke für Dein Danke. Lese ich selten, da freu ich mich umso mehr :) Dir auch ein frohes Fest und guten Rutsch!
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Re: Distraktion

Beitragvon Lara » Mittwoch, 19. Dezember 2018, 19:48:22

Oh, ich meinte durch den Mund, hab mich vertan, sorry. Natürlich danke,du hast dir schließlich Zeit genommen, dich mit meinem Problem zu beschäftigen und mir Infos und Hilfe zu geben.
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