Erfahrungsbericht DNA Appliance

# Sogenannte "kieferorthopädische" und kieferchirurgische Behandlungen: Möglichkeiten und Grenzen
# Aligner, feste Zahnspangen, Gaumenerweiterung, Multiloop, Sato
# Herausnehmbare Platten, Aktivatoren, myofunktionelle Trainingsgeräte
# Kieferoperationen: Le Fort, Dalpont, Obwegeser

Erfahrungsbericht DNA Appliance

Beitragvon Chickenita9 » Donnerstag, 27. September 2018, 10:02:42

Erfahrungsbericht DNA Appliance
Da ich meine DNA Appliance jetzt seit einem starken Jahr benutze, wollte ich meine Erfahrungen endlich im Forum teilen.
Kurz zu meiner Vorgeschichte:
Seitdem mir mit 12 von einem Kieferorthopäden ein Pendulum eingebaut wurde, litt ich unter sehr sehr häufigen Kopfschmerzen sowie weiteren Beschwerden. Meine Nasenatmung war in meiner gesamten Kindheit eingeschränkt, sodass ich zur Mundatmung gezwungen war. Zusätzlich hatte ich bereits vor der Behandlung eine leichte Skoliose. Mein Oberkiefer war transversal und sagital unterentwickelt, sprich zu eng und zu weit hinten, was dann als Angle Klasse III oder besser maxilliäre Rethrognathie bezeichnet wird. Ein Pendulum übt etwa die gleichen Kräfte aus wie ein Headgear also nach distal (= hinten) wodurch diese Kieferfehlstellung nochmals verstärkt wurde.
Wer Genaueres über den Zusammenhang von Headgear/Retraktionskieferorthopädie und CMD & Atemwegsobstruktionen erfahren möchte, dem sei das Video von righttogrow zum Headgear-Effekt ans Herz gelegt.

Mit 18 war meine CMD wohl auf ihrem Höhepunkt angelangt: Kopfschmerzen, Verspannungen, falsche Körperhaltung, schlechter Schlaf, Schwindel, Tinnitus, Hörstürze, Sehstörungen etc.pp.
Nachdem ich diverse Ärzte verschiedener Fachrichtungen besucht habe und sehr sehr viel selbst recherchiert habe, habe ich mich dann gegen die Dysgnathie-OP entschieden und für die Behandlung mit Dehnplatten - nichts anderes ist eine DNA Appliance.
Es gibt verschiedene Hersteller und Modelle von aktiven Platten (= lose Zahnspange zur Bewegung von Zähnen oder zur Kieferdehnung) allerdings ist die Auswahl hierzulande ziemlich bescheiden. Einen Vergleich zwischen verschiedenen Modellen oder Herstellern konnte ich so nicht machen, da ich lediglich einen Arzt in meinem Bundesland gefunden habe, der auch Erwachsene mit solchen Geräten behandelt.
In Deutschland gibt es die Ausbildung zum KFO-Techniker meinem Kenntnisstand nach nicht mehr und demzufolge auch kaum Labore, die lose Spangen für kompliziertere Fälle fertigen. Die Scans meiner Kiefer mussten daher ins Ausland geschickt werden, um dort passende Geräte zu produzieren.

Zurück kamen je eine Platte für Ober- und Unterkiefer, beide mit Federn für die Schneidezähne und Labialbögen, um den Druck der Lippen abzuhalten. Für den Unterkiefer gibt es eine transversale Schraube, für den Oberkiefer eine transversale und zwei sagittale.
Vorgabe war eine tägliche Tragedauer 10-14h und einmal pro Woche schrauben. Begonnen wurde dabei nur mit den Transversalen Schrauben.
Angesetzt waren 12 Monate Behandlungszeit und anschließend Invisalign, wobei einige Patienten laut meinem Behandler wesentlich weniger als 12 Monate gebraucht hätten.

September - November 17
Die Eingewöhnung ging sehr schnell. Schon in der 2.Nacht war es kein Problem mehr, die DNA Appliance durchgängig zu tragen. Im Vergleich zur Michiganschiene, die ich davor vier Monate hatte, war es aber deutlich mehr Plastik im Mund und vor allem zwischen den Zähnen. An Schmerzen könnte ich mich nicht erinnern.
Erste Verbesserungen meiner CMD spürte ich dafür schon nach ein paar Wochen.
Begleitend hatte ich noch Skoliosetherapie nach Schroth bis Ende November, die mir auch sehr gut getan hat.
Nach circa 8 Wochen hatte ich den ersten Kontrolltermin und durfte ab da auch sagittal schrauben.

Dezember 17 - März 18
Meine Nasenatmung war bereits besser und mein Schlaf auch. Allgemein hatte ich bereits wesentlich weniger Schmerzen als vor der Behandlung und konnte wieder etwas mehr arbeiten und lernen. Vollzeit hatte ich aber noch nicht ganz erreicht.
Ich konnte auch wieder auf hohen Schuhen zum Tanzkurs gehen, ohne danach Schmerzen in der LWS zu bekommen.
Ende Februar tat ich mir dann etwas schwer mit dem Unterkiefer, weswegen ich dann seltener als jede Woche geschraubt habe.
Das transversale Dehnen war dann Ende März vorerst abgeschlossen.

April - Juni 18
Etwa sechs Wochen habe ich dann nur sagittal verstellt. Unterbrochen wurde die Behandlung leider dadurch, dass mir die obere Spange durchgebrochen ist. Es waren daher mehrere Reparaturen nötig.
Mitte Mai sollte ich dann zusätzlich zu dem sagittalen Schrauben auch wieder die transversale Schraube im Unterkiefer stellen. Meine Tragedauer war zu der Zeit etwa 11h pro Tag, weil ich meine Arbeitszeit nochmal erhöhen konnte. Für den Unterkiefer ist das wohl zu wenig, deswegen ging es nur mit halber Geschwindigkeit voran.
Im Mai habe ich zusätzlich Logopädie angefangen und selbständig Krafttraining begonnen.

Juli 18 - jetzt
Sagittal lief alles nach Plan. Der Unterkiefer bremste mich nur leider noch mehr aus, sodass die Spange sogar mehrfach wieder zurück gedreht werden musste, um wieder zu passen. Auf einer Seite ist im Unterkiefer sogar ein recht großer Zahnfleischriss entstanden, der erst jetzt durch Öl ziehen wieder heilt.
Zur Zeit versuche ich im Unterkiefer jetzt auf eine höhere Tragezeit zu kommen. Durch die Logopädie (Übungen + Novafon) konnte ich die Häufigkeit meiner Hörstürze weiter reduzieren und beiße mittlerweile wieder symmetrisch.
Im August habe ich nochmal mit Physiotherapie angefangen, genauer gesagt Skoliosetherapie. Manuelle Therapie an sich brauche ich schon lange nicht mehr. Ich wollte eher die freie Zeit nochmal nutzen, um weitere Übungen für die LWS zu erlangen und mein Krafttraining entsprechend zu ergänzen.

Das zum groben Ablauf bisher. Fertig ist meine Behandlung mit der DNA Appliance trotz der 12 Monate noch nicht. Mein Allgemeinzustand ist aber um Welten besser im Vergleich zum letzten Jahr.
Auf ein paar spezielle Punkte möchte ich hier noch eingehen.

Reinigung der DNA Appliance
Mir wurde geraten, die DNA Appliance immer nach dem Tragen mit klarem Wasser abzuspülen und einmal pro Woche mit Gebissreiniger (Kukident) zu reinigen.
Vor allem unter den Federn bildet sich aber schnell Zahnstein. Deswegen reinige ich sie mittlerweile täglich.

Zahnfleisch und Mundhygiene
Da alles herausnehmbar ist, klappt Zähne putzen natürlich wie gewohnt. ABER: das Zahnfleisch wird stärker beansprucht als sonst. Außerdem werden Teile der Zähne während dem Tragen nicht von Speichel umspült.
Deswegen würde ich jedem, der eine solche Behandlung beginnt, dazu raten von Beginn an mehr Zeit in die Zahnpflege zu investieren und das Zahnfleisch mit Öl ziehen zu festigen. Ich habe letzteres aber erst seit zwei Wochen angewandt, als es ziemlich akut war.

Weisheitszähne
Im Gegensatz zu vielen anderen Kieferorthopäden, verzichtet mein jetziger Behandler darauf, Weisheitszähne vorsorglich zu entfernen - auch wenn diese schief im Kiefer liegen. Bei Interesse kann ich auch gerne eine Studie verlinken, die belegt, dass das vorsorgliche Entfernen nicht sinnvoll ist.
Von meinen vier Weisheitszähnen war leider einer akut entzündet und hat neuralgische Schmerzen verursacht. Diesen lies ich mir vor der Behandlung entfernen.
Für die DNA Appliance macht es aber soweit ich weiß kaum einen Unterschied, ob Weisheitszähne vorhanden sind oder nicht. Im Gegensatz zu anderen kieferorthopädischen Behandlungsmethoden, wird der Platz eben nicht durch Distalisation (= nach hinten schieben) gewonnen sondern durch Dehnung.
In einem anderen Forum kam auch die Frage auf, ob myofunktionelle Übungen („Mewing“) und Gaumendehnung den Durchbruch der Weisheitszähne beschleunigen. Bisher kann ich das nicht bestätigen. Meine oberen habe ich noch nie gespürt, nur den verbliebenen unteren. Sehen kann man nach wie vor keinen.

Schmerzen während der Behandlung
Hier sehe ich einen großen Vorteil zur schnellen Gaumennahterweiterung oder auch zum operativen Vorgehen. Ich hatte im Oberkiefer nie mehr als einen leichten Druck beim Verstellen der transversalen Schraube. Die Schneidezähne sind beim sagittalen Verstellen selten mal empfindlich.
Im Unterkiefer habe ich häufiger mal Schmerzen, wenn ich die Spange unter dem Tag nicht getragen habe. Mit der längeren Tragedauer ist es aber in Ordnung.

Intermolare Weite
Ich habe selbst meine alten Modelle und die Modelle für die letzte Reparatur im Juli verglichen. Demnach hat sich meine intermolare Weite von 34mm auf 39mm gesteigert.
Gemessen habe ich am Zahnfleischsaum von 16 und 26 die minimale Entfernung.
Zum Vergleich nannte Mike Mew folgende Werte:
Durchschnitt in UK: 29-34mm
Indien deutlich mehr
Naturvölker noch mehr (Ende 40 bis Anfang 50mm)
Angestrebt von Orthotropics: 38-42/44mm

Laut den Messungen in der Praxis wäre mein Kiefer um 7mm weiter geworden. Dabei wurde auf den Zahnflächen gemessen. Ich bin mir nicht sicher, ob einfach eine der beiden Messungen ungenau war, oder ob bei der Messung in der Praxis eine geringe dentale Bewegung mitgemessen wurde.

Alles in allem bin ich mit der Behandlung sehr zufrieden. Ich hoffe ich konnte auch vielleicht dem ein oder anderen weiterhelfen. Bei Fragen gerne melden
Chickenita9
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